VERSCHWINDEN

Wann bist du aus deinem eigenen Leben ein Stück verschwunden?

Ich glaube nicht, dass man aus seinem eigenen Leben auf einmal verschwindet. Ich glaube, man verschwindet in kleinen Stücken. So klein, dass man es lange gar nicht bemerkt.

Vielleicht beginnt es schon ziemlich früh.

Als Kind gibt es diese Momente, in denen man einfach da ist. Man rennt los, weil irgendwo etwas Interessantes liegt. Man bleibt stehen, weil ein Käfer über den Weg krabbelt. Man lacht zu laut. Man weint, wenn etwas weh tut. Man sagt, dass man etwas nicht will. Man fragt zum hundertsten Mal warum.

Nicht, weil man besonders mutig oder besonders frei wäre. Sondern weil man noch nicht ständig darüber nachdenkt, wie man gerade wirkt.

Natürlich lernen wir irgendwann, dass wir nicht allein auf der Welt sind. Wir lernen Rücksicht. Grenzen. Verantwortung. Wir lernen, dass andere Menschen ebenfalls Bedürfnisse haben. Dass nicht jeder Impuls ausgelebt werden kann und dass Zusammenleben manchmal bedeutet, sich zurückzunehmen.

Das gehört zum Großwerden.

Und trotzdem passiert dabei manchmal noch etwas anderes.

Wir lernen nicht nur, wie man mit anderen lebt. Wir lernen auch, wie wir sein müssen, damit wir gut in diese Welt passen.

Sei lieb. Sei vernünftig. Sei nicht so laut. Stell dich nicht so an. Mach es richtig. Enttäusch niemanden. Reiß dich zusammen. Was sollen die anderen denken?

Vielleicht waren es bei dir ganz andere Sätze. Vielleicht wurden sie nicht einmal ausgesprochen. Manchmal reicht ein Blick. Ein Schweigen. Das Gefühl, dass eine bestimmte Version von uns ein bisschen lieber gesehen wird als eine andere.

Und irgendwann werden aus diesen Stimmen unsere eigenen.

Wir brauchen niemanden mehr, der uns sagt, wie wir sein sollen. Wir können das längst selbst.

Wir funktionieren.

Wir machen unseren Job. Wir kümmern uns. Wir beantworten Nachrichten. Wir organisieren Geburtstage, Termine und Einkaufslisten. Wir lieben Menschen. Wir übernehmen Verantwortung. Wir halten Dinge zusammen.

Und vielleicht sind wir darin sogar richtig gut.

So gut, dass lange niemand merkt, dass etwas fehlt.

Nicht einmal wir selbst.

Denn von außen sieht unser Leben vielleicht überhaupt nicht leer aus. Vielleicht ist es sogar ziemlich voll.

Voll mit Menschen. Voll mit Aufgaben. Voll mit Dingen, die wir einmal wollten. Voll mit Dingen, für die wir dankbar sind.

Und trotzdem kann irgendwann diese merkwürdige Frage auftauchen:

Wo bin eigentlich ich darin?

Nicht die Mutter. Nicht die Partnerin. Nicht die Tochter. Nicht die Kollegin. Nicht diejenige, die sich kümmert. Nicht die Vernünftige. Nicht die Starke.

Du.

Vielleicht merkt man das Verschwinden auch gar nicht zuerst im Kopf. Vielleicht merkt man es daran, dass man kaum noch weiß, worauf man eigentlich Lust hat. Dass die Frage „Was möchtest du?“ erstaunlich schwer zu beantworten geworden ist.

Dass man Ruhe will und sie kaum aushält, wenn sie plötzlich da ist. Dass man von Urlaub träumt, obwohl man vielleicht gar nicht nur Urlaub braucht.

Dass man manchmal Menschen beobachtet, die etwas völlig anderes machen, und für einen kurzen Moment etwas in einem zieht.

Nicht unbedingt Neid.

Vielleicht eher Erinnerung.

An etwas, das man selbst einmal wollte. Oder an jemanden, der man einmal war.

Vielleicht gibt es sogar Dinge, bei denen du irgendwann gesagt hast: Dafür habe ich keine Zeit mehr. Das passt jetzt nicht. Vielleicht irgendwann. So bin ich eben nicht mehr.

Und vielleicht stimmt das.

Menschen verändern sich. Wir müssen nicht zurück zu der Person, die wir mit acht, achtzehn oder achtundzwanzig waren. Vielleicht geht es überhaupt nicht darum, zurückzugehen.

Vielleicht geht es darum, sich irgendwann wieder zu fragen:

Was davon habe ich wirklich hinter mir gelassen – und was habe ich nur unterwegs irgendwo stehen lassen?

Den Menschen, der gern gemalt hat. Der stundenlang draußen sein konnte. Der reisen wollte. Der getanzt hat. Der geschrieben hat. Der albern war. Der mutig war. Der Ruhe brauchte. Der Tiere liebte. Der allein sein konnte. Der große Ideen hatte.

Oder vielleicht einfach den Menschen, der einmal ziemlich genau gespürt hat, wann etwas ein Ja und wann etwas ein Nein war.

Vielleicht ist Verschwinden deshalb auch nicht dieser eine große Moment.

Vielleicht passiert es viel leiser.

Ein Nein, das wir nicht gesagt haben. Ein Wunsch, den wir vernünftig erklärt haben. Ein Gefühl, das gerade nicht gepasst hat. Eine Entscheidung, bei der wir wussten, dass sie eigentlich nicht unsere war.

Und irgendwann stehen wir mitten in einem Leben, das wir selbst mitgebaut haben – und vermissen uns darin.

Ich glaube aber nicht, dass alles, was von uns leiser geworden ist, wirklich weg ist.

Vielleicht wartet manches einfach.

In diesem einen Lied, bei dem plötzlich etwas in dir passiert. In einem Ort, an dem du tiefer atmest. In einem Gedanken, der immer wiederkommt. In der Sehnsucht nach Wald, Meer, Tieren, Stille oder Weite. In einer Idee, die eigentlich längst unvernünftig sein sollte und trotzdem nicht verschwindet.

Vielleicht sind das keine belanglosen Dinge.

Vielleicht sind es Spuren.

Vielleicht beginnt Zurückkommen genau dort.

Nicht damit, dass du dein ganzes Leben infrage stellst. Nicht damit, dass du alles hinschmeißt, neu anfängst oder plötzlich ein anderer Mensch wirst.

Vielleicht beginnt es viel kleiner.

Mit einem Nein, das du dieses Mal nicht herunterschluckst. Mit einer Stunde, die niemandem gehört außer dir. Mit einem Weg, den du gehst, obwohl er nirgendwohin führen muss. Mit Musik, die du laut machst. Mit etwas, das du wieder anfängst, obwohl du nicht weißt, wozu es gut sein soll.

Vielleicht auch einfach damit, einen Gedanken nicht sofort wegzuschieben, nur weil er unvernünftig ist.

Und vielleicht ist das das Verrückte daran: Du musst gar nicht erst jemand anderes werden.

Vielleicht musst du dich nur wieder ein bisschen hören.

Zwischen all den Stimmen. Zwischen all dem Müssen. Zwischen all den Menschen, die dich brauchen, lieben, kennen und vielleicht längst eine Vorstellung davon haben, wer du bist.

Vielleicht gibt es darunter noch diese leise Stimme, die nicht erklärt, nicht rechtfertigt und nicht beweisen will.

Die einfach weiß:

Das bin ich.

Und vielleicht reicht es für heute, sie einmal nicht zu überhören.

Vielleicht geht es gar nicht darum, wieder die zu werden, die du einmal warst.

Vielleicht geht es darum, die nicht länger zu übergehen, die du heute bist.

Mit allem, was sich verändert hat. Mit allem, was du verloren hast. Mit allem, was du gelernt hast. Und mit den Teilen von dir, die trotz allem geblieben sind.

Du musst nicht sofort wissen, was daraus wird.

Vielleicht reicht für heute eine einzige Frage.

Was würde sich verändern, wenn du wieder ein bisschen mehr du selbst wärst?

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