Körper

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Wann hast du deinen Körper das letzte Mal angesehen, ohne etwas an ihm verändern zu wollen?

Nicht im Vorbeigehen im Spiegel. Nicht beim Anziehen. Nicht mit diesem schnellen Blick auf die Stellen, die anders sein könnten.

Sondern wirklich angesehen.

Diesen Körper, in dem du schon dein ganzes Leben wohnst.

Vielleicht ist es seltsam, dass wir ausgerechnet mit ihm oft so hart sind. Mit diesem einen Ort, der uns niemals verlassen hat.

Wir stehen morgens vor dem Spiegel und sehen zu viel. Zu wenig. Zu weich. Zu alt. Zu müde. Eine Falte, die gestern vielleicht noch nicht da war. Eine Hose, die anders sitzt. Haut, die nicht aussieht wie die Haut der Menschen auf unseren Bildschirmen.

Und manchmal reicht ein einziger Blick, um einen Körper zu verurteilen, der seit Jahrzehnten nichts anderes tut, als uns durch dieses Leben zu tragen.

Dabei kennt er Geschichten über uns, die niemand sonst kennt.

Er weiß noch, wie sich deine Knie angefühlt haben, als du als Kind hingefallen bist und jemand dich hochgehoben hat. Er kennt das erste Mal, als dein Herz wegen eines Menschen viel zu schnell geschlagen hat. Er weiß, wie sich Angst in deinem Bauch anfühlt. Wie Trauer auf deiner Brust liegt. Wie deine Hände zittern, wenn du etwas verlierst, von dem du dachtest, es würde bleiben.

Und er weiß auch noch, wie du lachst, wenn du wirklich lachst. So sehr, dass dein Bauch wehtut und du kaum noch Luft bekommst.

Er war dabei. Bei allem.

Bei jedem verdammten Tag deines Lebens.

Und trotzdem behandeln wir ihn manchmal, als wäre er das Problem.

Wir ziehen den Bauch ein. Stellen uns anders hin. Löschen ein Foto. Beginnen am Montag irgendeinen neuen Versuch, endlich anders auszusehen. Wir nennen unsere Arme zu dick, unsere Beine zu weich, unsere Haut zu faltig, unsere Gesichter zu müde.

Als müsste dieser Körper sich erst verändern, bevor wir endlich freundlich mit ihm sein dürfen.

Vielleicht ist das eine der traurigsten Arten, sich selbst zu verlieren:

wenn der eigene Körper irgendwann zu einem Ort wird, an dem man sich nicht mehr zuhause fühlt.

Dabei hat er nie aufgehört, dein Zuhause zu sein.

Er hat dich durch Nächte getragen, von denen niemand weiß, wie schwer sie waren. Er ist morgens aufgestanden, obwohl du eigentlich liegen bleiben wolltest. Er hat funktioniert, während du gesagt hast: Geht schon.

Noch einen Termin. Noch schnell das erledigen. Noch für jemanden da sein. Noch ein bisschen durchhalten.

Und manchmal hat er versucht, dich aufzuhalten. Mit Müdigkeit. Mit Spannung. Mit einem Herz, das plötzlich schneller schlug. Mit einem Rücken, der nicht mehr wollte. Mit diesem Gefühl, dass irgendetwas in dir einfach nur noch nach Ruhe geschrien hat.

Und vielleicht war dein Körper nie gegen dich.

Vielleicht hat er nur irgendwann angefangen, lauter zu werden, weil du sein Flüstern so lange überhört hast.

Vielleicht wollte er dich zurückholen. Zu dir. Zu diesem Menschen, der nicht nur funktionieren kann. Der schlafen muss. Essen. Atmen. Berührt werden. Lachen. Weinen. In der Sonne sitzen. Barfuß über kalten Boden laufen. Einen Hund streicheln. Sich irgendwo hinlegen und für einen Moment nichts leisten.

Wir reden so viel darüber, wie wir unseren Körper verändern können. Vielleicht sollten wir viel öfter darüber reden, was unser Körper für uns ausgehalten hat.

Vielleicht gibt es Narben an dir. Vielleicht hat sich dein Körper verändert, weil du ein Kind bekommen hast. Vielleicht weil du krank warst. Vielleicht weil du älter geworden bist. Vielleicht einfach, weil Leben Spuren hinterlässt.

Und vielleicht schaust du manchmal auf diese Spuren und wünschst sie dir weg.

Aber stell dir für einen Moment vor, du könntest deinen Körper nicht mit deinen Augen ansehen.

Sondern mit seinen.

Was würde er über dich erzählen?

Vielleicht würde er sagen:

Ich habe dich getragen.

Als du verliebt warst. Als du verlassen wurdest. Als du dachtest, du schaffst das nicht. Als du trotzdem weitergemacht hast.

Ich habe deine Kinder gehalten. Deine Hunde gestreichelt. Menschen umarmt, die du geliebt hast.

Ich habe dich durch Sommer getragen und durch Winter. Durch Krankenhäuser, Küchen, Schlafzimmer, Flughäfen, Supermärkte und all diese vollkommen gewöhnlichen Dienstage, von denen du damals nicht wusstest, dass sie einmal Vergangenheit sein würden.

Ich habe jeden Menschen berührt, den du jemals berührt hast.

Ich war da, als dein Herz gebrochen ist.

Und ich werde da sein, wenn es wieder jemand zusammensetzt.

Vielleicht würde dein Körper dich gar nicht fragen, warum du nicht dünner bist.

Vielleicht würde er dich nur fragen:

Warum warst du so oft böse auf mich?

Und ich weiß nicht, wie es dir damit geht. Aber dieser Gedanke macht etwas mit mir.

Weil dieser Körper irgendwann nicht mehr da sein wird.

Nicht heute. Hoffentlich nicht morgen. Vielleicht erst in sehr, sehr vielen Jahren.

Aber irgendwann wird es einen letzten Morgen geben, an dem du diese Hände bewegen kannst. Irgendwann wirst du zum letzten Mal mit diesen Füßen irgendwohin laufen. Irgendwann wird jemand zum letzten Mal deine Wange berühren.

Und plötzlich wirken die Stellen, die wir heute unbedingt verändern wollen, erschreckend unwichtig.

Vielleicht wirst du dir dann nicht wünschen, dünner gewesen zu sein.

Vielleicht wirst du dir wünschen, du hättest dich öfter getraut, in ihm zu leben.

Ins Wasser zu gehen, obwohl du deinen Bauch nicht mochtest. Auf dem Foto zu bleiben. Das Kleid anzuziehen. Dich berühren zu lassen. Barfuß zu tanzen.

Dich nicht zu verstecken.

Diesen verdammten Sommer nicht damit zu verbringen, auf einen anderen Körper zu warten.

Denn vielleicht war das hier die ganze Zeit der richtige.

Nicht perfekt. Nicht unverändert. Nicht für immer.

Aber deiner.

Und vielleicht musst du ihn heute noch nicht lieben. Vielleicht ist das manchmal zu viel verlangt.

Aber wenn du heute Abend deine Kleidung ausziehst und für einen Moment vor dem Spiegel stehst, könntest du etwas anderes versuchen.

Nicht suchen, was falsch ist.

Schau einmal auf deine Hände. Auf deine Beine. Auf deinen Bauch. Auf die kleinen Linien in deinem Gesicht.

Und denk für einen einzigen Moment daran, wohin sie dich alle schon gebracht haben.

Vielleicht legst du sogar deine Hand irgendwo auf dich.

Nicht um zu prüfen. Nicht um zu verändern.

Einfach nur so.

Und vielleicht sagst du nichts.

Vielleicht gibt es zwischen dir und diesem Körper nach all den Jahren auch gar nichts Großes zu sagen.

Vielleicht reicht etwas ganz Kleines.

Danke, dass du mich bis hierher gebracht hast.

Denn während du dein ganzes Leben versucht hast, irgendwo anzukommen,

war da ein Zuhause,

das dich keinen einzigen Tag verlassen hat.

Du.

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